von Christoph Chrom

Prolog – Genau die richtige Distanz

Lange war ich nicht mehr so dankbar für mein Fahrrad. Für diese gleichförmige, zirkulierende Bewegung des Körpers, die den Gedanken einen weiten Raum lässt. Jeden Morgen bin ich heute die vierzig Minuten zum Seminar gefahren. Es war genau die richtige Distanz, um mich emotional darauf vorzubereiten und hinterher wieder zu einem normalen Menschen zu werden. Was passiert ist? Ich befinde mich seit Montag in einem Herrschaftsverhältnis, das sich „Referendariat“ nennt. Und die Realität dieses Zustandes kommt mir zerstörerischer vor, als ich das vorher gedacht hatte. Nach und nach ordneten sich auf meinen Fahrten die Gedanken und es formten sich zwei Bilder.

Bild 1 – Das Ungeheuer greift nach mir

Die Schule ist eine Institution, die nach dem Muster einer riesigen Bürokratie aufgebaut ist. Das Ritual des Diensteides ist gleich der erste Versuch, die Menschen über die Konstruktion von „Amtspflichten“ zum verlängerten Arm der Behörde zu machen. Die Botschaft ist immer: „Wenn du alle Regeln befolgst, wird man dir gehorchen und alles geht gut. Du musst dich nur mit der Behörde identifizieren. Die Aufsicht über junge Menschen ist genau so zu führen, das sie sich selbst dann noch von dir beobachtet fühlen, wenn du gerade woanders bist. Du musst die Autorität der Behörde in dich aufnehmen und sie ausstrahlen. Das geht durch Wahl der Position im Raum, „adäquate“ Kleidung, durch die Formalisierung der Beziehung zu den Jugendlichen und durch“Classroom-Management“. Mit diesen und anderen Machttechnnologien wurden wir diese Woche traktiert, und dabei fühlte ich immer wieder, wie es mir auf den Fersen war, dieses Ungeheur, wie es mir auf die Schultern klopfte und leise sagte: „Ich bleibe hinter dir, du kannst mir nicht weglaufen. Werde Teil von mir und hilf mir, meine Arbeit gut zu machen. Du wirst schon sehen: Es geht. Du musst nur wollen.“ Ich drehe mich langsam um und sehe es: Eine Art Dinosaurier aus dem unzählige Arme und Köpfe einzelner Menschen hervorragen – einige davon sind die Kommiliton_innen aus dem Seminar. Ihre Arme strecken sich nach mir, aber sie können mich nicht berühren, solange ich nicht in ihre Sphäre eintrete. Sie sind Geist und ich Mensch. Das Problem ist nur: Sie sind der Geist der Behörde, in die ich eben offensichtlich eingetreten bin, und um handlungsfähig zu sein, muss ich manchmal die Handlungsoptionen ausüben, die der Geist mir anbietet. Wie lange werde ich es schaffen, mich von ihm zu unterscheiden?

Bild 2 – Leitplanken versperren die Welt

„Classroommanagement“, ein schönes Wort mit doppel-S, doppel-O und doppel-M, Es ist unser stetiger Begleiter. Was auch passiert, treffen wir auf eine vorbereitete Lernumgebung: Schön soll sie aussehen und die Botschaften unterstützen, die uns unsere Seminarleiterin vermitteln will, aber von denen wir am Anfang einer Einheit oft noch gar nichts wissen. Die Möglichkeit zur Eigeninitiative wird sie uns auch irgendwann einräumen, aber jetzt noch nicht – wo sie ja noch nicht weiß, ob wir mit Freiheiten richtig umgehen können. Es könnte ja auch sein, wir nutzen sie in unseren eigenen Interessen. Jetzt lesen wir also Texte über „guten Unterricht“, Aufsichtspflicht, Datenschutz, Verschwiegenheitspflicht, Pflichten, Aufgaben und Rechte von Lehrerinnen und Lehrern und ähnliche ärgerliche Nebensächlichkeiten mit großem Ernst. Ich hetze durch die Zeilen; will zum Ende kommen. Viele kenne ich schon, weil ich schon vor Beginn des Referendariats wissen wollte, welche Rechte ich habe und welche Zumutungen auf mich warten. Es soll vorbei gehen. Ich habe mich schon vor Wochen darüber geärgert. Alles Zeitverschwendung. Trotzdem: Ich nutze die vorgegebenen Fragen in einer vorgegebenen Gruppenzusammensetzung an einem vorgegebenen Tisch in einem vorgegebenen Raum und fülle zusammen mit den beiden anderen meine Antwort in ein kopiertes Quadrat unter der Aufgabenstellung. Oft weiß ich gar nicht, was mit den Anweisungen bezweckt ist. Ich muss meinen Namen auf vier gleiche Bögen schreiben und kriege erst nachher gesagt, warum ich das gemacht habe. Ich muss ein Namensschild nach einem klar vorgegebenen Modell basteln, das ich aber nicht anfassen darf und kriege dazu noch ein paar weitere Bedingungen, die das ganze zum Problem machen. Hinterher darf ich die pädagogische Absicht raten. Am Anfang hab ich es noch nicht so gespürt, aber nach vier Tagen fühle ich, dass sich bei mir sehr viel positive Energie angestaut hat, weil sie durch die dauernden Einengungen nicht fließen konnte. Ich habe selten eine solche Intensität der Gedanken auf meinen Fahrradfahrten erlebt. Ich muss einfach schreiben, um es zu verarbeiten. Und mit dem Fahrrad kommt auch das Bild von einer engen, kurvigen Straße mit unbekanntem Ziel. Diese Straße hat so hohe Leitplanken, dass man von der Welt drumherum nichts sehen kann. Man kann sich in großer Geschwindigkeit auf ihr bewegen, fühlt sich aber unsicher, weil man zu schnell ist für etwaige Hindernisse oder gar Gegenverkehr ist und muss sich ganz auf die Steuernde und ihre Kenntnis des Ortes verlassen. Bei mir macht sich ein Gefühl von Manipulation und Abhängigkeit breit und von verschwendeter Zeit: Nun fahre ich in diese Richtung, kann meine Energien und Impulse nicht ordnen und ihnen keinen Sinn und keine Richtung geben, denn alle Richtungen bis auf die vorgegebene sind blockiert. Am Ende der Straße angekommen werde ich diesen ganzen Weg wieder zurück gehen müssen, und dabei hatte ich doch gerade erst zu mir zurückgefunden – zu meinen Energien, meinem Willen und meinen Wünschen. Was kann ich gewinnen, wenn ich mich so weit von mir weg treiben lasse? Oder anders herum: Was könnten wir gewinnen, wenn wir unsere Energien miteinander verbinden würden, anstatt sie zu unterdrücken?

Warum mache ich das überhaupt?

Als wir uns gestern Abend trafen, sagtest du, du würdest wahrscheinlich scheitern. Das sei nicht deins. Aber du hast dich nun zehn Jahre lang darauf vorbereitet. Du liebst es, Lernprozesse zu organisieren, aber du hältst diese ganze negative Energie nicht aus: Dass euch eure Seminarleiterin wieder das Gefühl vermittelt, falsch zu sein, noch mal von vorn anfangen zu müssen. Das tut mir weh, weil ich weiß, was für eine gute Lehrerin du bist. Die Menschen schaffen es wirklich mit dir, deine Sprache zu lernen und sich auszudrücken, und ich weiß: So wie du es tust, tust du es richtig. Mehr als die Hälfte unserer Zeit verbrachten wir bisher mit Fragen der Ordnung: Wie installieren wir die Ordnung und die Hierarchie in unserem Unterricht? Wie inszenieren wir die Umgebung so, dass alle Impulse leicht in eine vorgegebene Richtung kanalisierbar sind? Wie stellen wir die Ordnung wieder her, wenn sie in Frage gestellt wird? Wir lernten daraus, dass die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Schule die oberste Priorität zu haben scheint, und genau das macht sie zur Behörde und genau das ist ihre zerstörerische Kraft. Zuerst wird die Ordnung wieder hergestellt und dann der Schaden wieder gut gemacht (wenn noch Zeit ist). Und dann, vielleicht auch der zugrunde liegende Konflikt bearbeitet. Authentische Beziehungen, Augenhöhe, Kooperation, Initiative und Kreativität werden durch den Versuch, sie zu kanalisieren pervertiert und verlieren einen Großteil ihrer Gestaltungskraft. Ich mache das nicht, um zu lernen, wie ich mich gut in dem System bewegen kann, sondern um herauszufinden, wo man ansetzen muss, um das Lernen und die damit verbundenen Energien zu befreien. Wahrscheinlich kommen wir nicht darum herum, die Institution aufzulösen. Ich bin hier, um Gewissheit über diese Vermutung zu bekommen und um Meine Gefühle und Gedanken mit möglichst vielen anderen Betroffenen zu teilen. Meine rote Linie muss ich aber noch definieren. Gerade glaube ich, dass ich in dem Moment die Reißleine ziehen werde, wenn ich einen Teil meiner selbst in den Staatsdienst entlassen muss. Ich habe eine Verbindung zu meinem Wollen, meinen Bedürfnissen und Träumen gefunden. Diese Verbindung glaube ich, nur als ganzer Mensch halten zu können, denn sie erfordert Authentizität. Nur wenn ich der sein kann der ich bin, kann ich auch meine Bedürfnisse erkennen und in mein Sein und Handeln einbeziehen. Nichts ist so wichtig, dass ich diese Verbindung dafür aufs Spiel setzen würde.

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